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April 2003
Von Darío Azzellini
Interview mit Tarek William Saab
Tarek William Saab ist Abgeordneter der Partei des venezolanischen
Präsidenten Hugo Chávez, MVR (Bewegung fünfte
Republik), in der Nationalversammlung. Saab gilt als einer der
charismatischsten Regierungsabgeordneten, ist Mitglied des "Taktischen
Kommandos", also der nationalen Leitung der MVR und wird
als nächster Vorsitzender der MVR gehandelt. Zum Zeitpunkt
des Putsches im April 2002 war er Vorsitzender der Parlamentskommission
für Auslandsangelegenheiten. Das Gespräch führte
Dario Azzellini.
Frage: Vor einem Jahr enthob ein Putsch der Opposition, Vertretern
des Arbeitgeberverbandes und einiger rechter Militärs den
verfassungsgemäß gewählten Präsidenten Hugo
Chávez der Amtes. Wie würden sie die Reaktion der
Bevölkerung zusammen fassen?
Antwort: Vor dem 11. April 2002 gab es keine organisierte Massenbewegung,
aber die Ereignisse verursachten eine sofortige Reaktion der
Bevölkerung und der Streitkräfte. So etwas hat es in
der jüngsten venezolanischen Geschichte und weltweit noch
nicht gegeben: Ein Präsident der gestürzt und verhaftet,
und keine 48 Stunden später durch die Bevölkerung und
die Armee wieder an die Macht gebracht wird. Das hat mehrere
Punkte deutlich gemacht: 1) Der Großteil der venezolanischen
Streitkräfte in verfassungstreu; 2) Die Bevölkerung,
die nicht sehr gut organisiert war, konnte so deutlich reagieren,
wie wir es am 13. April gesehen haben. Millionen von Menschen
gingen auf die Straßen. Dies obwohl es eine sehr arme Bevölkerung
ist, die von allen vorhergehende Regierungen marginalisiert wurde.
Frage: Sie wurden während des Putsches verhaftet, wie
war das?
Antwort: Über hundert Menschen belagerten mein Haus, in
dem ich mit Frau und Kindern lebte und riefen sie würden
mich umbringen, ich solle heraus kommen, damit sie mich lynchen
könnten. Das waren hasserfüllte Gestalten, die seit
Tagen von der Propaganda der privaten Fernsehanstalten aufgestachelt
wurden. Schließlich kamen 20 Beamte der Geheimpolizei Disip
und beschuldigten mich Kriegswaffen in meinem Haus zu verstecken,
das war natürlich Unsinn. Ich wurde abgeführt und war
zwei Tage lang von der Außenwelt abgeschnitten. Meine Verhaftung
wurde gefilmt und in allen TV-Sendern übertragen. Der Basis
von Chávez sollte Angst eingeflößt werden,
indem ihre bekanntesten Vertreter verhaftet werden. Denn wenn
schon ein Abgeordneter verhaftet wird, der Immunität genießt,
was dürfen dann alle anderen erwarten?
Wir haben zu sehen bekommen wie eine Diktatur installiert wurde,
die zwei Tage lang die öffentliche Macht ausschaltete, repressiv
gegen soziale Bewegungen vorging, führende Aktivisten von
Basisorganisationen ermordete... das war eine schlimme Lektion:
Wie lebt es sich in einer Diktatur, in der die Medien über
nichts informieren? Sie haben einfach Filme oder Zeichtrickserien
gesendet und das staatliche Fernsehen Kanal 8, wurde von den
Putschisten besetzt und abgeschaltet. Für mich war das eine
wichtige Erfahrung, die meine revolutionäre Überzeugung
bestärkt hat.
Frage: Die Putschisten haben ja gleich damit begonnen Aktivisten
aus sozialen Bewegungen zu ermorden. Gibt es genaue Zahlen über
die Toten?
Antwort: Für die Zeit vom 11. bis zum 13. April haben wir
Zahlen, die von mindestens 70 Toten ausgehen. Am ersten Tag waren
es 19 Tote. Und in Asovic, einer Organisation der Angehörigen
von Opfern vom 11. April, sind Angehörige von 16 Ermordeten
und 104 mit Schusswaffen Verletzten Mitglied. Diese Menschen
wurden von den kommerziellen Medien totgeschwiegen, sie existieren
in den Zeitungen und im Fernsehen nicht. Sie zeigen nur Angehörige
eines einzigen Toten, der von der Opposition war, es ist als
ob es nur einen Toten gegeben hätte. Das ist kriminell und
wendet sich nicht nur gegen die Wahrheit, sondern auch gegen
die Menschenrechte. Das vermittelt ungefähr eine Vorstellung
von welcher Seite die Toten waren. Das Blutbad wäre aber
weitergegangen, wenn der Putsch nicht rückgängig gemacht
worden wäre. Denn der Diktator Carmona und seine Truppe
wollten den Chavismus ausrotten.
Frage: Gegen wieviel Personen wird wegen des Putsches ermittelt
und an welchem Punkt befinden sich die Ermittlungen?
Antwort: Die Ermittlungen gehen nur sehr langsam voran. 90 Prozent
der Justiz befinden sich in Händen von oppositionellen Sektoren,
die dem Putschisten nahe stehen. So wurden z.B. die Putschisten
vom Obersten Gerichtshof, der von der Opposition kontrolliert
wird, freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt aber weiter
und die Gerichte können immer noch Anklage erheben.
Der Nationalversammlung liegt nun ein Gesetz vor, um die Anzahl
der Richter in den Kammern zu erhöhen, nicht um regierungsnahe
Leute einzusetzen, sondern um Richter, die gemäß der
Gesetze handeln. Darüber hinaus versuchen wir Bewußtsein
zu erzeugen bezüglich der Bedeutung der Demokratie und der
Freiheiten. Auf mittlere und lange Sicht können wir die
Straflosigkeit besiegen.
Frage: Sie sind ja von der Geheimpolizei Disip verhaftet worden,
wie ist denn das Kräfteverhältnis innerhalb der Institutionen?
Antwort: Der Putsch hat die Masken vieler Leute fallen lassen.
Du hattest jemanden an deiner Seite, von dem du ausgingst er
sei ein Weggenosse und er entpuppte sich plötzlich als Putschist
und Verräter, der dein Grab schaufelte. So wie es Abgeordnete
gab, die wir uns für die Verteidigung der Verfassung erhoben,
so gab es auch welche, die das Gegenteil taten. Das geschah in
allen Institutionen, die Disip mit eingeschlossen. Wir haben
danach einen Prozess der Restrukturierung und Reorganisierung
begonnen, so wie auch in der Armee. Es wurden natürlich
auch Leute rausgeschmissen. Aber in Venezuela läuft immer
noch alles im Zeitlupentempo. Ein Jahr ist vergangen und es sind
immer noch nicht alle Karten auf dem Tisch. Aber wir haben den
staatlichen Erdölkonzern PDVSA zurück erobert, der
jetzt im Dienste der Nation und nicht mehr im Dienste der technokratischen
Führungsspitze steht. Der Plan der Putschisten war ja sofort
nach dem Sturz Chávez PDVSA zu privatisieren, aus der
OPEC auszutreten, die Verträge für Erdöl zu Vorzugskonditionen
für Zentralamerika und die Karibik aufzukündigen und
Venezuela in eine Bananenrepublik zu verwandeln. Wir haben es
geschafft das zu durchkreuzen und der Welt eine wichtige Lektion
zu erteilen: Sie müssen hier Millionen von Venezolanern
umbringen, wir lassen uns unser Öl, unseren Reichtum nicht
einfach wegnehmen.
Frage: Welche Länder waren wie weit in den Putsch vor
einem Jahr verwickelt?
Antwort: Die Regierungen der USA, Spaniens und Kolumbiens haben
nachweislich den Putsch unterstützt. Die US-Regierung hat
vor dem Putsch alle hohen Putschisten zu Gesprächen empfangen
und das Außenministerium hat sie ermutigt. Primero Justicia,
eine der faschistischen Parteien, die offen an dem Putsch beteiligt
waren, wird von der Stiftung der Republikaner in den USA, rechten
Stiftungen aus Spanien und von der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung
finanziert. Bürgermeister von Primero Justicia waren während
des Putsches an den Angriffen auf die kubanische Botschaft beteiligt,
der PJ-Bügermeister von Baruta, Leopoldo Lopez, und der
von Chacao, haben den Minister Rodriguez Chassín abgeführt
und zum Angriff auf das staatliche Fernsehen aufgerufen. Deutschland
sollte aufpassen, was solche Stiftungen tun. Destabilisierende
Bewegungen in diesem Land zu finanzieren ist kein freundschaftlicher
Akt gegenüber Venezuela. Aber es gibt auch viele Regierungen
die auf der Seite Venezuelas sind, weil sie wissen, dass das
Schicksal Chávez´ auch das Schicksal ihres Landes,
ihres Weges, ist. Lula in Brasilien z.B. weiß das und ebenso
wissen das die Basisbewegungen des Kontinents.
Frage: War denn die Zuspitzung in Venezuela absehbar?
Antwort: Noam Chomsky analysierte 2001 die Chávez-Regierung
als nationalistisch und prophezeite, dass er in Widerspruch mit
dem Empire geraten würde, wenn er den Erdölreichtum
in den Dienst sozialer Reformen stellen würde. Und Chávez
geriet in Widerspruch mit dem Empire. Es ist eine nationalistische
Regierung in dem Sinne, dass sie zutiefst auf Souveränität
und eigene kulturelle Identität besteht. Und das ist in
die Seele der Bevölkerung eingegangen. Das ist alles Teil
des Prozesses und der Entwicklung, die in Mitten aller Schwierigkeiten
voran schreitet mit großer Entschlossenheit. Es ist
ein Prozess, in dem die Basisbewegungen und die revolutionäre
Bewegung vorangekommen sind, der Nationalismus zur Verteidigung
der venezolanischen kulturellen Identität ist gewachsen.
Wir wissen in welche Richtung wir gehen. Wir werden die Demokratie
weiter vertiefen, die Naturressourcen in den Dienst der Menschen
stellen.
Frage: Und die Bevölkerung Venezuelas ist sich dessen
bewußt?
Antwort: Auf jeden Fall. Eine weitere Bestätigung dessen
war der Widerstand der Bevölkerung gegen einen erneuten
Putschversuch im Dezember 2002, als die staatliche Erdölindustrie
PDVSA durch leitende Angestellte sabotiert wurde, unterstützt
vom Arbeitgeberverband Fedecameras und der illegitimen Gewerkschaft
CTV. Sie legten die gesamte Erdölförderung still, die
internationalen Währungsreserven Venezuelas fielen drastisch
auf 13 Milliarden Dollar. Sie dachten Chávez würde
innerhalb von fünf Tagen zurücktreten müssen.
Wir haben nicht nur den ganzen Dezember durchgehalten, sondern
die Erdölindustrie im Januar wieder reaktiviert. Dies mit
Unterstützung eines Teils der PDVSA-Führung und Arbeitern,
die verstanden hatten, dass diese kriminelle Handlung so faschistisch
war wie der Putsch vom 11. April. Anfang April exportierte Venezuela
bereits wieder 3.200.000 Barrel Erdöl. Konservative Schätzungen
aus den USA hatten vorausgesagt, die Ölexporte würden
sich erst wieder im Dezember 2003 auf diesem Stand befinden.
Das zeugt von einem starken Willen der Bevölkerung einen
bestimmten Weg zu gehen, trotz aller Schwierigkeiten und Schwächen.
Frage: Aber große Teile der Leitung von PDVSA unterstützten
auch den Putsch. Warum wurden diese nicht bereits vor dem Streik
ausgetauscht?
Antwort: Die Regierung hat die kriminellen Fähigkeiten der
Opposition unterschätzt. Nachdem Chávez an die Macht
zurück kehrte, haben wir keine repressiven Maßnahmen
gegen die putschistische Leitung eingeleitet, sondern einen Dialog
begonnen, wir haben ihnen verziehen und das Führungspersonal
von PDVSA, dass den Putsch unterstützt hatte, wurde sogar
wieder eingestellt. Wir hatten eine romantische Vorstellung davon
was eine Opposition sein kann. Aber diese Opposition hat die
eigene Schuld nicht eingesehen, keinerlei Selbstkritik geübt.
Sie will nicht anerkennen, dass sie einen Putsch begleitet und
einen Diktator installiert hat. Aber wir werden diesen Fehler
sicher niemals wiederholen. Nach den Sabotageakten vom Dezember
wurden sie entlassen, die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen
sie.
Frage: Wie hat sich das Kräfteverhältnis zwischen
der Opposition und den Kräften, die den in Venezuela eingeleiteten
Prozess unterstützen, seit dem Putsch entwickelt?
Antwort: Im vergangenen Jahr ist die demokratische Kultur Venezuelas
gewachsen und die Oganisierung der Bevölkerung stärker
geworden. So stark, dass es gelungen ist in zwölf Monaten
vier Versuchen zu trotzen, Präsident Hugo Chávez
zu stürzen: Ein Militärputsch, ein wirtschaftlicher
Umsturzversuch und zwei weiteren Streikversuchen. Während
wir durchgehalten haben, ist die Opposition heute zerfallen.
Ihre wichtigsten Führer haben sich als Flüchtlinge
vor der Justiz ins Ausland abgesetzt und das ehemalige Bündnis
ist atomisiert. Der Demokratie erweist das allerdings keinen
guten Dienst. Wir brauchen eine Opposition, die ein würdiger
und repräsentativer Gesprächspartner der Regierung
ist. Bisher gibt es diese aber nicht. Und leider habe ich auch
nicht viel Hoffnung, dass dies bald Wirklichkeit wird.
Frage: Wie agiert die Opposition heute?
Antwort: Sie fühlt sich durch die US-Invasion im Irak im
Aufwind. Sie denkt, dass ihnen die Kolonialisierung Iraks, unter
Missachtung der UNO und des Internationalen Rechts, die Möglichkeit
eröffnet durch eine erneute Radikalisierung ihrer Aktionen
einen Ausweg unter dem Bruch der Verfassung zu suchen. Das zeigt
sich auch in ihrer TV-Propaganda, in der es heisst: "Jetzt
holen wir dich", nach dem Motto "jetzt wo Irak gefallen
ist, ist Venezuela dran". Aber Venezuela ist aber weder
Irak noch Afghanistan. Venezuela befindet sich vollständig
im Rahmen des internationalen Rechts und die Regierung ist verfassungstreu.
Chávez hat sieben aufeinander folgende Wahlen gewonnen.
Und wenn schon der Angriff auf den Irak die Ablehnung von 90
Prozent der Welt verursacht hat, so wird es kein leichtes sein
einfach nach Venezuela zu kommen, ohne dass es Seitens der Bevölkerung,
der Armee und Lateinamerikas eine Reaktion gibt. Venezuela ist
ein wichtiger Bezugspunkt in Lateinamerika und der gesamten Welt.
Frage: Die Einnahmeausfälle aus der Erdölindustrie
hinterließen ein Loch von sieben Milliarden Dollar in den
Staatskassen. Und das ist spürbar, die wirtschaftliche Situation
ist viel schwieriger geworden. Wie wird sich die ökonomische
Situation weiter entwickeln und hat das Verschleisserscheinungen
in der Unterstützung produziert?
Antwort: Es gibt eine sehr harte Losung, die auf den Demonstrationen
gerufen wird: "Mit Hunger und Arbeitslosigkeit, ich verpflichte
mich mit Chávez". Die Leute sind sich bewusst, dass
es schwierige Zeiten gibt und dieses Bewusstsein verleiht uns
Kraft und Würde. Die Regierung hat gigantische Anstrengungen
unternommen um die Situation abzufedern. Wir haben es geschafft
die Erdölkrise vom Dezember/Januar zu überwinden, das
ist ganz unglaublich. Damals gab es hier kilometerlange Schlangen
um zu tanken. In einem Land wie Venezuela, das Benzin produziert
und exportiert. Wir mussten Benzin importieren, wir mussten zusätzliche
Lebensmittel importieren.
Aber jetzt wo wir PDVSA erobert haben, werden wir voran schreiten.
Wir sind von der Erdölindustrie abhängig und jetzt
wo PDVSA wieder in unseren Händen ist, können wir nach
und nach alle Löcher stopfen und den Umbau zu einer diversifizierten
und nicht monoproduktiven Ökonomie vollziehen. Das ist das
was die Regierung macht, es werden Arbeitsplätze geschaffen
in dem die kleine und mittlere Industrie Kredite erhält,
die Investitionen im Land gefördert werden. Es fehlt eine
starke ökonomische Schicht im Land, die auch hier investiert
und wir sind dabei Brücken zu diesem Sektor zu bauen.
Danke für das Gespräch.
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