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Von Darío Azzellini
Der Frühling Venezuelas
Februar 2003
Nach 62 Tagen erklärte das venezolanische Oppositionsbündnis
"Demokratische Koordination", das verschieden anti-chavistische
Kräfte vereint, die auch den Putsch im vergangenen April
unterstützten, offiziell das Ende des am 2. Dezember vergangenen
Jahres begonnenen Streiks. Der "Streik" war jedoch
tatsächlich nur von transnationalen Unternehmen mittels
Schließung ihrer Produktions- und Verkaufsstätten
sowie Aussperrung der Arbeiter und von der venezolanischen Oberschicht,
landwirtschaftlichen Großproduzenten und Händlern,
befolgt worden. Zahlreiche Unternehmen und Händler hatten
aufgrund der hohen Einnahmeausfälle bereits vor dem "offiziellen"
Streikende die Arbeit wieder aufgenommen.
Die Proteste der Opposition schafften es nicht Präsident
Hugo Chávez zum Rücktritt oder zu verfassungswidrigen
Neuwahlen zu zwingen. Zwar wurde die Wirtschaft, vor allem durch
die Milliardenausfälle bei den Erdöleinnahmen, so weit
geschädigt, dass der ewige Vorwurf der Opposition "unter
Chávez sei die Wirtschaftslage katastrofal" sich
erstmals bewahrheitet, doch die Regierung sitzt fester im Sattel
als zuvor. Das zeigte sich zuletzt am 23. Januar, als in Caracas
nach unterschiedlichen Schätzungen drei bis fünf Millionen
Menschen für Chávez demonstrierten.
Chávez zeigt sich optimistisch: "Dies wird ein Jahr
der Vertiefung des revolutionären Projekts, das seine Grundlage
in der Kollektivität, dem Volk und den Streitkräften
hat und von der Bolivariansichen Verfassung Venezuelas gestützt
wird". Der Präsident erklärte auch er sei "heute
zuversichtlicher als vor vier Jahren bei der Machtübernahme".
Daher fürchte er auch eine Volksabstimmung verfassungsgemäß
am 19. August, zur Hälfte seiner Amtszeit, möglich
nicht, er habe schließlich immer wieder selbst die
Opposition aufgefordert diese Möglichkeit zu nutzen.
Selbst die New York Times bezeichnete die Erklärung der
Opposition nach 62 Tagen vermeintlichen Streiks als "Sieg
für Chávez". "Tatsache ist", so sie
einflussreiche Zeitung weiter, "dass der Streik tagelang
nur aus dem Wort bestand, die Venezolaner des Steiks, der ihre
Wirtschaft verwüstet hat, müde waren und dieser auch
keines der Ergebnisse zeigte, die noch im Dezember versprochen
worden waren".
Im Erdölsektor bestand der "Streik" im wesentlichen
aus gezielten Sabotageaktionen höherer Angestellter. Damit
konnten Erdölproduktion und export erheblich beeinträchtigt
werden. Doch auch hier befindet sich die Situation seit Ende
Dezember im Normalisierungsprozess. Laut Angaben der Regierung
soll die Förderung bis Ende März wieder die üblichen
3,4 Millionen Barrel Tagesproduktion betragen.
Nachdem der am 4. Dezember von einem Bündnis aus den ehemaligen
Regierungsparteien, dem Unternehmerverband und der korrupten
gelben Gewerkschaft CTV ausgerufene Streik, außer von den
Eliten des Landes, kaum befolgt wurde, reagierte die Opposition
mit Sabotage des staatlichen Erdölunternehmens PDVSA, das
80 Prozent der Deviseneinnahmen Venezuelas erwirtschaftet, und
mit einer Radikalisierung der Proteste sowie zahlreichen Gewaltakten,
um ein Chaos herbeizuführen, das eine Intervention oder
einen erneuten Putschversuch rechtfertigen sollte. Da die Medien
fest in oppositioneller Hand sind, war es schwer etwas über
den tatsächlichen Erfolg der Proteste und die Situation
in Venezuela zu erfahren. Doch allein die Tatsache, dass das
Land nach über zwei Monaten vermeintlichen Streiks der Arbeitgeber
und Unternehmer nicht zusammen gebrochen ist, sollte am Wahrheitsgehalt
der auch in Europa medial verbreiteten Eindrücke über
Venezuela zweifeln lassen. Entgegen der üblichen Darstellungen,
genießt Chávez höchstwahrscheinlich immer noch
das Vertrauen der Mehrheit der venezolanischen Bevölkerung,
vor allem der 80 Prozent, die in Armut leben. Und das ist der
Grund warum die Opposition einen sofortigen Rücktritt Chávez
sowie eine sofortige Volksabstimmung forderte. Die venezolanische
Verfassung sieht zur Hälfte der Amtszeit eines jeden Politikers
die Möglichkeit einer Volksabstimmung über sein Schicksal
vor. Im Falle Chávez wäre dies im August. Doch das
ist der Opposition zu lange und zu unsicher. Selbst die New York
Times schrieb Ende des Jahres es sei durchaus möglich, dass
Chávez eine Volksabstimmung gewinne. Gute Chancen werden
hingegen den Initiativen der Linken eingeräumt, Unterschriften
für Volksabstimmungen zur Abwahl oppositioneller Gouverneure
eingeräumt.
Den USA ist Chávez schon seit seiner Amtsübernahme
ein Dorn im Auge. Der Präsident, der sein politisches Projekt
der "bolivaranischen Revolution" nach Simón
Bolivar benennt, der zu Beginn des 19. Jh. für die Unabhängigkeit
und Einigkeit Lateinamerikas kämpfte, bringt die geostrategischen
Vorhaben der US-Regierung durcheinander. Er pflegt hervorragende
Beziehungen zu Kuba das von Venezuela ebenso wie alle anderen
mittelamerikanischen und karibischen Staaten zur Erhaltung einer
gewissen Unabhängigkeit Erdöl zum Vorzugspreis
erhält. Im Gegenzug zählt Venezuela auf kubanische
Unterstützung beim Umbau des Erziehungs- und Gesundheitssystems.
Chávez hat sich auch gegen das gesamtamerikanische Freihandelsabkommen
FTTA ausgesprochen. Er will das neoliberale Prestigeprojekt der
US-Regierung mit der vorliegenden Ausrichtung nicht unterstützen
und setzt offen auf den "lateinamerikanischen Weg",
also eine Stärkung des regionalen Zusammenhangs. Mit dem
Vorsitz der OPEC betraut bemühte sich Venezuela diese wieder
zu einer einheitlichen und verbindlichen Preis- und Förderpolitik
zu führen und die Preise nach oben zu drücken. Sein
Amtsantritt durchkreuzte das Vorhaben der USA Kolumbien militärisch
einzukreisen und eine internationale Intervention gegen die Guerilla
vorzubereiten, da er jeder militärischen Aktion gegen die
kolumbianische Guerilla eine Absage erteilte und den USA verbot
venezolanisches Territorium zu überfliegen.
Chávez wurde 1998 von 60 Prozent der Bevölkerung
gewählt, die einem breit angelegten und partizipativen Prozess
entstandene neue Verfassung wurde in einer Volksabstimmung von
etwa 80 Prozent angenommen und Chávez daraufhin in einer
neuen Abstimmung mit fast 60 Prozent für sechs Jahre als
Präsident der neuen Republik bestätigt. An der Regierung
sind übrigens neben der Chávez-Partei MVR (Movimiento
V. Republica) auch noch weitere vier kleinere linke Parteien
und die beiden indianischen Abgeordneten beteiligt.
Die neue Verfassung Venezuelas, die unter lateinamerikanischen
Juristen als die fortschrittlichste des Kontinents gilt, enthält
80 Artikel, die sich mit der sozialen Organisierung und dem Recht
der Bevölkerung auf Beteiligung an öffentlichen Entscheidungen
beschäftigen. Das betrifft sowohl die Entscheidungsfindung
des Staates als auch die öffentliche Kontrolle der Gelder.
Nach den Wahlen 1998 begann für Chávez der schwierige
Prozess eines Umbaus Venezuelas. Dabei hat er heute noch gegen
die sogenannte "doppelte Macht" zu kämpfen, d.h.
das viele Institutionen noch von der Opposition besetzt sind
und die Chavez-Regierung sich absolut an alle Gesetze hält
und auch an das Arbeitsrecht, dem in der neuen Verfassung ist
eine zentrale Rolle zukommt. Daher führen Ministerialbeamte
Entscheidungen nicht aus und die Korruption ist noch groß.
Die Justiz geht kaum gegen Saboteure und Gewalttäter der
Opposition vor. Der Oberste Gerichtshof wird von der Opposition
kontrolliert und entschied sogar, dass es sich bei dem Putsch
im April nicht um einen Putsch handelte, sondern um ein "Machtvakuum"
in das Generäle eingriffen. Zudem befanden sich auch in
den eigenen Reihen zahlreiche Opportunisten, Karrieristen und
korrupte Gestalten. Dies hat viele Vorhaben der Chávez-Regierung
zunichte gemacht. So blieb der Regierung auch über Jahre
der Zugriff auf das staatliche Erdölunternehmen PDVSA verwehrt,
das mit seiner Wirtschaftsstärke häufig als "heimliche
Regierung" Venezuelas bezeichnet wird. Erst die Sabotageaktionen
der PDVSA-Angestellten erlaubten der Regierung streng das rigorose
eigene Arbeitsrecht befolgend 12.400 PDVSA-Mitarbeiter zu entlassen
und Maßnahmen einzuleiten, um die Kontrolle zu übernehmen.
Chávez dankte daher den Putschisten, die es "mit
ihrem neuen Versuch möglich machten die PDVSA zu befreien
jetzt gehört die Industrie allen und nicht mehr nur
einer Gruppe".
Trotz dieser vehementen Schwierigkeiten gelang im Laufe der vergangenen
Jahre so einiges.
So z.B., dass 1 Million neue Schulplätze geschaffen wurden,
das Schulen wiedereröffnet anstatt geschlossen wurden, das
Schulen und Universitäten gratis sind ebenso wie die Gesundheitsversorgung.
Dafür wurden die Staatsausgaben für das Gesundheitswesen
auf acht Prozent erhöht und die Gelder für Bildung
verdoppelt. Die vorher eingeleitete Privatisierung des Gesundheitssektors
und der sozialen Sicherungssysteme wurde abgebrochen. Es wurden
über 92.000 Sozialwohnungen gebaut und mehrere Millionen
Menschen an die Trinkwasserversorgung angeschlossen, ein spezielles
Kooperativengesetz mit vielen Begünstigungen geschaffen
und mit Gründung einer Frauenbank, einer Volksbank und eines
Dezentralisationsfond ein breiterer Zugang zu Kapital zu Vorzugskonditionen
geschaffen. Und selbst die Kindersterblichkeitsrate fiel in wenigen
Jahren von 2,1% auf 1,7%.
Und wo war die heutige Opposition in den vergangenen Jahren?
Lange Zeit übte sie sich in der Hoffnung der Prozess würde
Scheitern, sie bestachen Regierungsabgeordnete, und warteten
auf den Kollaps der Regierung oder der Wirtschaft. Doch das geschah
nicht.
Und vor allem erließ Chávez im Dezember 2001 ein
49 Dekrete umfassendes Gesetzespaket, das die Unternehmer und
die transnationalen Konzerne aufbrachte: Der aufgeblähte
Verwaltungsapparat wird reduziert, staatliche Subventionen für
Privatunternehmen sind steuerpflichtig; die Banken und
nicht wie bisher der Staat müssen für ihre Schulden
selbst aufkommen; das Steuersystem wird so umgestaltet, dass
die unteren Einkommensschichten gar nichts oder einen geringeren
Prozentsatz bezahlen als die oberen; ein Sozialfond soll die
Ernährungssituation verbessern und die Bildung von Kooperativen
unterstützen; die Kontrolle über die Rohstoffe wird
stärker in die Hände des Staates gelegt; die Erdölförderung
durch transnationale Konzerne wird stärker besteuert; die
Regierung legt die Strompreise fest, Großgrundbesitz wird
stark eingeschränkt und die indianischen Gemeinden erhalten
die Kontrolle über ihr Land, genutzte Gewässer und
dort befindliche Bodenschätze. Anfagn des Jahres wurde schließlich
mit der Ausbildung von Hunderten von Lehrern für ein mehrsprachiges
Schulsystem der indianische Gemeinden begonnen. So erklärt
sich auch, warum die beiden Abgeordneten der indianischen Gemeinden
Teil der Chávez-Regierung sind und selbst inmitten des
Amazonas während des vermeintlichen Streiks Demonstrationen
zur Unterstützung der Regierung mit bis zu 5.000 Personen
stattfanden.
Die Landverteilungen gehen zwar langsam vor sich - bisher haben
einige zehntausend Familien Land erhalten - aber das hängt
damit zusammen, dass sie von Kleinkredit- und landwirtschaftlichen
Bildungsprogrammen begleitet werden. In den Armenstadtteilen
wurden lokale Komitees für städtisches Land (CTU) gegründet,
die in Absprache mit den Regierungsministerien die Legalisierung
besetzter Grundstücke organisieren. Ein Prozess der auch
durch die Proteste nicht unterbrochen wurde. Anfang Januar verteilte
Präsident Chávez 1.100 Grundbesitztitel in einem
Armenviertel von Caracas, weitere Landverteilungen folgen nahezu
wöchentlich.
Hier wird auch verständlich warum Chávez das Vertrauen
der Armen Venezuelas und vor allem der über 25% schwarzen
und indigenen Venezolaner genießt. Alle Indianerorganisationen
Venezuelas unterstützen den bolivarianischen Prozess und
die indianischen Abgeordneten sind an der Regierung beteiligt.
Daher ist auch ein Element in der Anti-Chavez-Kampagne der weißen
Oberschicht ein offener Rassismus, der Chavez (mit seiner gemischt
weißen, indigenen und afro-karibischen Herkunft) als Teil
des "schwarzen und indianischen Pöbels" zu diskreditieren
versucht. Doch sowohl die diesem "Streik" vorangehenden
drei Protestwellen der Oligarchie, wie auch der Putschversuch
im April scheiterten.
Der nächste Schritt der Regierung, der die Opposition verärgerte,
ist der Versuch endlich die Kontrolle über das staatliche
Erdölunternehmen PDVSA zu erlangen. Die PDVSA ist das unproduktivste
Erdölunternehmen der Welt. 80 Prozent der Einnahmen werden
für laufende Kosten ausgegeben und nur etwa 20 Prozent fließen
in die Staatskassen. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich eine Elite
den Konzern unter den Nagel gerissen und zahlt sich enorme Gehälter
aus. Hinzu kommen zahlreiche Vergünstigungen, exklusive
Clubanlagen für Urlaubsreisen und beträchtliche Schmiergeldzahlungen
bei den Outsourcingmaßnahmen der PDVSA während der
vergangenen Jahre.
Das Unternehmen fälschte über Jahrzehnte die Bilanzen
und verweigerte sich jeder Kontrolle durch die Regierung und
unabhängige Kräfte. Mit 18,7 Milliarden US-Dollar Auslandsschulden
und der PDVSA als größter Devisenbringer will die
Regierung die alteingesessenen Strukturen des Unternehmens reformieren
und die Einnahmen für die gesamte Bevölkerung einsetzen.
Ein Schritt, der die gesamte Elite und Opposition die zudem
bereits verkündet hat sowohl die PDVSA, wie auch die Gas-
und Elektrizitätswerke privatisieren zu wollen auf
die Barrikaden gebracht hat. Das erklärt auch die Beteiligung
des korrupten Gewerkschaftsverbandes CTV, der im wesentlichen
eine Angestelltenelite vertritt. Repräsentativ ist die CTV
nicht. Am vergangenen 1. Mai brachte sie gerade Mal einige Tausend
Menschen auf die Straße, im Vergleich dazu mobilisierten
der Bolivariansiche Gewerkschaftsverband und andere linke Gewerkschaften
über zwei Millionen Menschen.
Indes sind hunderte von kleinen, mittleren und größeren
Einzelgewerkschaften, viele davon ehemals im Dachverband CTV
organisiert, und die bolivarianische FBT dabei einen neuen Gewerkschaftsdachverband
zu gründen. Die offizielle Gründung des neuen Gewerkschaftsverbandes
mit dem Namen "Nationale Vereinigung der Arbeiter Venezuelas"
(Unete), an dem unter vielen anderen auch die Gewerkschaft der
öffentlichen Angestellte (Fedeunep), der Metroarbeiter,
der PDVSA-Beschäftigten der Region Zulia angehören,
erfolgt im März.
Die Initiative kam zustande nachdem der von der CTV ausgerufene
Streik nur von den besser situierten Angestellten des Erdölkonzerns
PDVSA und einer kleinen Gewerkschaft höherer Angestellter
der Privatbanken befolgt wurde. Bis dato hatten die CTV-Mitgliedsgewerkschaften
noch gehofft die Kontrolle über die CTV übernehmen
zu können, unter anderem liegt eine bis heute unbearbeitete
Klage gegen die Vorstandswahlen vor, da die CTV-Spitze nicht
einmal 50% der abgegeben Stimmzettel präsentierte und Carlos
Ortega zum Sieger der Wahlen erklärte.
Mittlerweile wird Carlos Ortega von der venezolanischen Justiz
per Haftbefehl gesucht. Dies verursachte beim Großteil
der Bevölkerung Zufriedenheit, ebenso wie die Verhaftung
des Streikführers und Vorsitzenden des Unternehmerverbandes
Carlos Fernández, der unter Hausarrest gestellt wurde.
Die Basisbewegungen hatte dies seit Monaten gefordert, während
die Justiz untätig blieb. Carlos Ortega entzog sich jedoch
der Verhaftung und kündigte an die CTV "aus der Klandestinität"
führen zu wollen. Den Angeklagten wird bezüglich ihrer
Unterstützung des Putsches im April vergangenen Jahres "Vaterlandsverrat,
Rebellion, kriminelle Bandenbildung und Aufruf zu kriminellen
Handlungen und Verwüstung" vorgeworfen. Fernández
hatte auch die Selbsternennung des Putschpräsidenten unterzeichnet.
Darüber hinaus sollen weitere 24 Haftbefehle gegen Putschbeteiligte
vorliegen.
Der bolivarianische Prozess hat jedoch vor allem zu einer beispiellosen
Organisierung und Mobilisierung der Massen geführt. Dieser
Selbstorganisierungsprozess hat die Erwartungen der fünf
an der Regierung beteiligten linken Parteien sowie linker Basisorganisationen
bei weitem übertroffen. Beispiellos in Lateinamerika und
der Welt ist wohl die Reaktion von mindestens drei Millionen
Menschen allein in Caracas, die den US-unterstützten Putsch
im April durch ihre Reaktion in weniger als 48 Stunden wieder
rückgängig machten und "ihre Regierung" wieder
in den Amtssitz begleiteten. Und auch beim aktuellen Streik zeigt
sich wieder die Reaktion der Bevölkerung, zehntausende schützen
die Erdölanlagen vor oppositioneller Sabotage, andere melden
sich freiwillig um Streikende zu ersetzen, Fabriken werden von
Arbeitern besetzt und in Eigenregie übernommen, Millionen
Menschen mobilisieren sich tagtäglich, um einen erneuten
Putsch zu verhindern. "Die Regierung braucht den Notstand
nicht auszurufen", so Luis Tascón, Abgeordneter der
Chávez-Partei MVR (Bewegung V. Republik), "das tut
die Bevölkerung auf der Straße".
Die Regierung unterstützte in jeder Hinsicht diesen Organisierungsprozess
und vertraut das wurde vor allem während des jüngsten
Streiks deutlich auf die Basis.
So entschieden sich die Regierung und die an ihr beteiligten
Parteien auch nicht dafür einige zentral gesteuerte eigene
Medien, als Gegengewicht zu dem reaktionären Medienapparat
der Oligarchie aufzubauen, sondern die Entstehung von Gemeinschaftsmedien
politisch und administrativ zu unterstützen, so wurden seit
1998 fünf Community-TV-Sender und über 100 Basisradios
ins Leben gerufen. Dies auf der Grundlage einer erleichterten
Verteilung von Sendelizenzen, ein Verfahren das gemeinsam mit
den Gemeinschaftsmedien ausgearbeitet wurde.
Chavez selbst hat einmal die Woche ein Fernsehprogramm in dem
er zu aktuellen Ereignissen Stellung nimmt und seine Politik
erläutert, einige Journalisten haben das zum Anlass genommen
ihn dem Vorwurf staatlicher Propaganda zu machen. Dabei wurde
meist verschwiegen, dass die Anführer der Opposition in
allen Medien häufiger zu Wort kommen und selbst ihre Demonstrationen
direkt übertragen wurden.
Die meisten TV-Sender gehören dem venezolanischen Medienmulti
Gustavo Cisneros, der auch große Teile der lateinamerikanischen
Medienlandschaft kontrolliert. Cisneros äußerte mehrmals
er werde "keine Ruhe geben, bis der venezolanische Präsident
aus dem Amt oder tot ist". So war Cisneros auch in den Putsch
im April verwickelt, die zentrale Leitung des Putsches kam in
den Räumen seines TV-Senders Venevision zusammen und er
verließ nach dem Putsch überstürzt Venezuela.
Die Basisorganisationen Venezuelas folgen aber keineswegs kritiklos
der Regierung und schon gar nicht Chávez. Ganz im Gegenteil,
er ist durchaus massiver Kritik ausgesetzt und ein Grossteil
der Basis würde den Prozess noch weiter radikalisieren.
Die venezolanische Gesellschaft erlebt einen Beispiellosen Partizipationsprozess.
In einem Aufruf der sozialen Bewegungen Venezuelas an die ganze
Welt mit dem Titel "Den Frühling in Venezuela retten",
von Ende Dezember, heißt es: "Die Ausgeschlossenen
der Globalisierung ergreifen endlich das Wort. (...) Gestärkt
durch unsere Bolivarische Verfassung - eine der demokratischsten
der Welt - legalisieren wir die Wohnverhältnisse in den
riesigen Arbeitervierteln, prüfen wir die Baustellen für
unsere Schulen oder die Ausstattung unserer Krankenhäuser,
stärken wir unsere Macht, indem wir einen neuen Lokalen
Verwaltungsrat wählen, erschaffen uns unsere eigenen Bürgermedien
in Radio und TV - unabhängig von dem Einfluss der Regierung,
kämpfen wir für die Aufteilung der Ländereien
an die armen Bauern, für die öffentliche Kontrolle
der staatlichen Ölreserven und für die Ausweitung der
Rechte der Frauen, die hier an der Spitze der sozialen Bewegung
stehen." Die Unterzeichner, ATTAC-Venezuela, Venezolanisches
Netz der Gemeinschaftsmedien, Nationale Vereinigung der alternativen
und freien Gemeinschaftsmedien, Bauernbewegung Ezequiel Zamora
beschuldigen die Oligarchie, transnationale Unternehmen, die
USA und andere Staaten, den bolivarianischen Prozess zerstören
zu wollen und erklären "Ein vielversprechender Weg,
um diese Revolution zu verteidigen und zu konsolidieren, besteht
darin, dass ihr ganze Welt über die Umstände der Bewegung
informiert und ebenfalls euer Recht auf Information fordert,
welches die Massenmedien verhöhnen."
Doch die Anschläge und Sabotageakte, die wie kleine Nadelstiche
seit Monaten das Land destabilisieren, gehen weiter. Bewaffnete
schossen in den vergangenen Wochen mehrmals auf die Erdölanlagen
"La Campiña" und verletzten und ermordeten Regierungsanhänger.
Bei Bombenanschlägen auf die spanische und kolumbianische
Botschaft wurden Ende Februar drei Personen verletzt. Die Opposition
und die spanischen Medien beschuldigten sofort Chávez-Anhänger
der Anschläge. Laut Aussagen eines oppositionellen Distriktbürgermeisters
von Caracas seien nach den Anschlägen vor Ort Schreiben
bolivarianischer Massenorganisationen bolivarianische Zirkel
und Koordination Simon Bolivar - vorgefunden worden. Die Ereignisse
wirken allerdings sehr konstruiert. Chávez hatte einen
Tag zuvor die USA, Kolumbien und Spanien aufgefordert sich nicht
in interne Angelegenheiten Venezuelas einzumischen, nachdem die
spanische Außenministerin Ana Palacios die Verhaftung des
Arbeitgeberpräsidenten kritisiert hatte und der kolumbianische
Innenminister Venezuelas Weigerung die FARC als terroristisch
einzustufen mit den Worten kommentierte es sei klar, dass Chávez
niemanden als Terroristen einstufe mit dem er sich ständig
treffen würde. Eine Aussage von der sich selbst die kolumbianische
Regierung sofort distanzierte. Unwahrscheinlich scheint auch,
dass legale Massenorganisationen wie die Bolivarianischen Zirkel
Anschläge durchführen und sich hinterher auch noch
dazu bekennen. So scheinen die Anschläge passend inszeniert
worden zu sein, um weiterhin die Stimmung in Venezuela zuzuspitzen.
Dario Azzellini, Sozialforscher, Autor und Filmemacher, lebt
in Berlin und arbeitet vorwiegend zu Lateinamerika und Italien.
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