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4.6.2003
Von Darío Azzellini
Abkommen zwischen Regierung und Opposition in Venezuela
Dennoch weitere Gewalt von Regierungsgegnern
Vertreter der venezuelanischen Regierung und der Opposition
einigten sich am 23. Mai auf ein 19 Punkte umfassendes Abkommen
zur friedlichen Beilegung des politischen Konflikts. In dem Abkommen,
das in der folgenden Woche unterzeichnet wurde, verpflichten
sich beide Seiten eine Lösung in Form von Wahlen im Rahmen
der Verfassung zu suchen. Demnach akzeptiert die Opposition nach
monatelangen Gesprächen erstmals eine demokratische Lösung
gemäß der geltenden Verfassung. So sollen die Mitglieder
des Nationalen Wahlrates einvernehmlich von der Nationalversammlung
ernannt werden und dann der Verfassung folgend die Richtlinien
zur Durchführung der in der Verfassung verankerten Volksabstimmungen
zur Abwahl der politischen Amtsträger auf verschiedenen
Ebenen - Bürgermeister, Gouverneure, Abgeordnete und Präsident
Hugo Chávez nach Ablauf der Hälfte ihrer Amtszeit
festlegen.
Genau diese Vorgehensweise hatte Opposition in den vergangenen
anderthalb Jahren stets abgelehnt. Nach dem sich Opposition jedoch
durch Gewaltakte, Sabotage und einem gescheiterten unpopulären
Streik im vergangenen Dezember und Januar weitgehend diskreditiert
hat, blieb ihr nun nichts anderes übrig, als das Abkommen
zu unterschreiben. Trotz eines Putschversuchs, der Sabotage der
Erdölindustrie, dem Abzug von über 33 Milliarden US-Dollar
in vier Jahren, der Kontrolle sämtlicher Medien und der
Unterstützung der USA war es der rechtsextremen Opposition
nicht gelungen Chávez aus dem Amt zu jagen.
Dabei schreckte die Opposition vor nichts zurück. So wurde
Mitte Mai die Verantwortung zweier oppositioneller Militärs
für zahlreiche Morde und Bombenanschläge öffentlich
bekannt. Am 16. Februar fielen drei ebenfalls in Opposition zur
Chávez-Regierung stehende Soldaten und die Partnerinnen
von zwei von ihnen einem Anschlag zum Opfer. Sie wurden entführt,
gefoltert und anschließend erschossen. Die Opposition beschuldigte
die Regierung der Morde. Eine der beiden Frauen überlebte
allerdings schwer verletzt und half den Tathergang zu rekonstruieren.
Ein weiterer oppositioneller Armeeangehöriger wurde schließlich
als einer der Täter identifiziert und verhaftet. Laut seinen
Aussagen wurden er und weitere Mittäter vom Divisionsgeneral
der Nationalgarde Felipe Rodríguez und dem Heeresoberst
Yucepe Pilieri, die zu den seit Monaten auf der Plaza Francia
protestierenden oppositionellen Militärs gehören, beauftragt
und bezahlt, um die drei Soldaten und die zwei Frauen zu ermorden.
Als Grund gab er an, dass sie verdächtigt wurden Informationen
über die Aktivitäten der Opposition an die Regierung
weiter gegeben zu haben.
Rodríguez und Polieri, so der verhaftete Armeeangehörige,
seien auch verantwortlich für die Bombenschläge auf
die diplomatischen Niederlassungen Spaniens und Kolumbiens am
25. Februar und auf den Sitz der Gespräche zwischen Opposition
und Regierung am 12. April. Diese seien von einem Mittäter
der Morde an den drei Soldaten und der jungen Frau durchgeführt
worden. Die Opposition hatte die Ereignisse genutzt um die Chávez-Regierung
des Terrors zu beschuldigen.
Derweil wurde auf internationalem Parkett erneut deutlich, wie
wenig Venezuela, im Gegensatz zu anderen lateinamerikanischen
Regierungen, bereit ist sich dem Diktat der USA zu beugen. Die
Ende Mai von den südamerikanischen Präsidenten zum
Abschluss des XVII. Gipfels der Rio-Gruppe in Peru unterschriebene
"Erklärung von Cuzco" wurde vom venezuelanischen
Präsidenten Hugo Chávez Frías nicht in der
vorgelegten Form unterzeichnet. Seine Ablehnung galt vor allem
dem von den USA forcierten Freihandelsabkommen für den amerikanischen
Kontinent (FTTA, nach dem englischen Kürzel bzw. ALCA auf
Spanisch), da dieses für "die Völker Lateinamerikas
eine "Bedrohung darstellt" und den Erklärungen
zu Kolumbien, die "ein Tor für eine Auslandsintervention
öffneten". Im Gegenzug schlug Chávez eine kontinentale
Debatte über eine mögliche Konfliktlösung in Kolumbien
vor.
Nicht nur daher kann weiter davon ausgegangen werden, dass die
USA und die mit ihnen verbündete venezolanische Opposition
weiterhin alles daran setzen werden die Chávez-Regierung
zu stürzen. Die Ernsthaftigkeit der Opposition bezüglich
der im Abkommen mit der Regierung nun getroffenen Vereinbarungen
ist ohnehin mehr als zweifelhaft. Während in dem am 23.5.
öffentlich gemachten Papier auch ein Gewaltverzicht enthalten
ist, rief die ehemalige Regierungspartei Accion Democratica (AD)
nur einen Tag später zur "Rückeroberung des Westens"
auf. Während der von Reichen bewohnte Osten der Hauptstadt
Caracas weitgehend von der Opposition dominiert wird, gilt der
Westen der Stadt als Territorium der Regierungsanhänger.
Bereits in den frühen Morgenstunden wurden Einheiten der
Guardia Nacional von Schützen von Bandera Roja beschossen,
als sie in der Nähe des Präsidentenpalastes zwei quer
gestellte Busse von der Straße entfernten. Bei dem Hinterhalt
wurden drei Angehörige der GN und zwei Zivilisten verletzt,
einer davon schwer. Die ehemals linke Organisation Bandera Roja
entwickelte sich in den vergangenen Jahren zum bewaffneten Arm
der rechtesten Sektoren der Opposition. Von der einstigen Guerilla
ist heute nicht viel mehr als der Name übrig, nachdem selbst
ein Großteil ihrer Angehörigen die Gruppierung verlassen
haben.
Die AD-Demonstration im Viertel Catia, die nur 2000 Personen
mobilisierte, war von vornherein auf Konfrontation angelegt,
so dass Bewohner des Stadtviertels die Straßen blockierten
um den Demonstranten den Weg zu versperren. Während der
Demonstration eröffneten Unbekannte das Feuer, dabei wurden
mindestens elf Personen verletzt und eine getötet. Wie so
oft zuvor erschienen die Sprecher der Opposition erst nach dem
Zwischenfall auf der Demonstration und beschuldigten die Regierung
der Repression. Bei dem Toten, Modesto Martínez, handelte
es sich jedoch um einen Aktivisten der Regierungspartei MVR (Bewegung
V. Republik), der Basisarbeit im Stadtteil 23. Januar leistete.
Anfang Juni schließlich griffen Abgeordnete der Opposition
in der Nationalversammlung der Vizepräsidenten der Kammer
körperlich an und verhinderten ein Sitzung in Verlaufe derer
die neuen Mitglieder des Nationalen Wahlrates ernannt werden
sollten, eine notwendige Maßnahme zur Erfüllung des
Abkommens und zur Realisierung der Volksabstimmungen, zu der
sich die Opposition in der unterzeichneten Vereinbarung verpflichtet
hatte. Der fortgesetzte Boykott der parlamentarischen Arbeit
durch die Opposition scheint darauf abzuzielen das Referendum
gegen Chávez und gegen andere vor allem oppositionelle
Mandatsträger zu verhindern und anschließend
der Regierung eine Nicht-Erfüllung des Abkommens vorzuwerfen.
Dies vor dem Hintergrund, dass eine Abwahl Chávez selbst
von der Opposition für äußerst unwahrscheinlich
gehalten wird.
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